Mein Auto ist weg!

Seit mehreren Jahren verfolge ich die Entwicklungen in der Mobilität. Auch habe ich zwei StartUps im Bereich der Elektromobilität in meiner Funktion als Advisor und Realisator begleitet. Schon viele Jahre davor hatte ich mich in den Themenkomplex Mobilität und Umwelt vertieft. Ja, das Thema Feinstaub in Stuttgart hat mich dann logischerweise auch beschäftigt – woraus zwei Blogeinträge entstanden sind: eins und zwei.

Abgesehen von der Klimathematik umtreibt mich die Tatsache, dass die Auto-Mobilität immer schwieriger wird – Staus überall und das mit immer schlechterer Vorhersehbarkeit. So muss ich öfter und mehr Treffen in der Region Stuttgart aufgrund der Verkehrssituation verschieben oder absagen. Kam ein Freund regelmäßig von Tuttlingen nach Stuttgart zum Event 12min.me, so schafft er es heute kaum noch. Zu früh müsste er los, um im dichten Verkehr rechtzeitig anzukommen. Der öffentliche Verkehr wäre aufgrund der guten, wenn auch zeitintensiven, Verbindungen auf der Hinfahrt eine Option. Dummerweise überhaupt nicht mehr für die späte Heimfahrt. Dennoch bin ich mir aufgrund der Entwicklungen sicher (da gibt es ein paar innovative StartUps), dass ein Umdenken in der Mobilität, neue Konzepte in der Nutzung der Verkehrsmittel und Stärkung bisher vernachlässigter umweltfreundlicher Transportmittel uns alle erreichen werden.

Mobilität muss massiv eingeschränkt werden. Wer das sagt, bewegt sich auf dem Pfad des Populismus in Kombination mit Halbwissen. Sicher, diese 20€-Klimakiller-Flüge in Städte und auf Inseln könnten ohne wesentliche Einschnitte sofort wegfallen. Dazu braucht es aber politische Entscheidungen, denn aktuell wird der Flugverkehr von nahezu allen Regierungen substanziell subventioniert und peripher unterstützt – Stichwörter Kerosinsubvention, Flughafenbesitz und Flughafenbetrieb. Der Mensch ist mobil und wird es auch bleiben. Die überwiegende Zahl der Konsumenten hingegen ist noch nicht bereit, auf das regelmäßige „Stößchen auf Malle“ zu verzichten. Daher bin ich den Fridays-for-Future-Streikenden ehrlich dankbar, auch wenn dies viele Leute ganz anders sehen. Das Thema Klimawandel ist mit Fridays for Future in der Gesellschaft angekommen – wenn auch noch nicht weitherum angenommen. Aber es wirkt.

 

Mein Auto ist mir wichtig

Damit komme ich zu mir selbst – was kann ich machen? Flugreisen vermeide ich schon seit vielen Jahren, der letzte Flug nach Göteborg fand 2015 statt. Den Konsum von Fleisch und tierischen Produkten habe ich auch deutlich reduziert. All das ging langsam und: es schmerzt mich nicht wirklich.

Doch das Auto. Mein erstes Auto war ein BMW. Es folgten weitere Modelle aus München und dazu gesellte sich die Rennfahrerausbildung auf dem Hockenheimring zum Erlangen der Rennlizenz Gruppe N Schweiz. Obwohl dann nicht beantragt – wegen der Kosten ein Rennfahrzeug zu betreiben – war ich das, was die Engländer „A real Petrolhead with Racing Licence“ nennen.

Dann kam der Maserati, den ich mehr als alle anderen Autos (BMW, Mercedes, Audi) geschätzt und ebenso gerne gefahren bin. Parallel entwickelte ich aber auch ein vertieftes Bewusstsein dafür, was mit der Mobilität Gutes und weniger Gutes zusammenhängt.

Als der Partikelfilter für Dieselmotoren verfügbar wurde, war ich einer der ersten in der Schweiz, der sich damals ein Fahrzeug mit dieser Abgasreinigung gekauft hatte. Es war ein Peugeot und während VW immer noch von „innermotorischen Lösungen“ schwadronierte, fuhr ich schon sauberer durch die Gegend, als alle anderen Diesel. Das Thema der „innermotorischen Lösung“ indes wurde von VW bzw. Audi immer wieder bemüht, bis 2015 die kriminellen Handlungen des Dieselskandals publik wurden. Seither reagiere ich empfindlich auf den Begriff „innermotorische Lösungen“.

 

Es kippt

Diese kriminellen Handlungen, die nach Bekanntwerden vor allem von Audi, aber auch von Mercedes heimlich und mit ebenso heimlicher Duldung des Kraftfahrzeugbundesamts bis 2019 weitergeführt worden waren, sind nur Indizien dafür, wie sehr der Profit vor die Umwelt gestellt wird. Das machte viele Menschen wütend – auch viele meiner Freunde, die in den entsprechenden Abteilungen bei Bosch und Daimler sowie als Betriebsräte arbeiten. Denn die ahnten schon, wenn das ganze Kartenhaus zusammenbricht, geht es um Jobs. Viele Jobs. Ihre Jobs. Kein gutes Gefühl. Aber es hat dort eingeschlagen und bereits viele Köpfe gekostet.

Weitere Bekannte sind sehr aufgebracht, weil sie den Versprechungen dieser Autokonzerne Glauben geschenkt hatten und jetzt mit ihrem Auto in immer weniger Städte einfahren dürfen. Sofern sie sich denn an die Beschränkungen halten. Der Vertrauensverlust ist spürbar, wenn auch weniger ausgeprägt, als befürchtet.

Die positive Wirkung: Das Thema der Umweltbelastung durch die eigene Mobilität hat sich langsam, aber sicher in den Köpfen eingenistet. Die Deutschen sind im Vergleich zu den Schweizern sehr wenig politisch. Außer ein bisschen Herumgemaule wenn etwas nicht so passt, ist selten was zu hören. Aber es kommt immer mehr. Den Social Media und Internet-Initiativen sei Dank nehmen die Deutschen immer öfter öffentlich Position gegen Entscheide und Verhalten der Politik – und äußern dies in den Social Media, allen voran Twitter. Besonders Jens Spahn, AKK, Horst Seehofer und Andy Scheuer haben nach fragwürdigen bis zu geradezu grotesken Aussagen schon mehrere Shitstorms über sich ergehen lassen müssen. Der Souverän meldet sich und bringt seine Gesandten, die Politiker, auf den Weg der Tugend zurück.

 

Der Weg der Tugend

Doch auch der Souverän braucht Impulse, um auf den Weg der Tugend zu finden. Manchmal müssen es denn Gesetze und Regeln sein, wie die Ankündigung der Regierung vom 6. Augst 2019, die Dieselsubvention zu beenden und besonders viel CO2-austoßende Fahrzeuge stärker zu besteuern zu wollen. Mal sehen, was da wann eingeführt wird und vor allem auch, wie sinnstiftend dieser Schnellschuss sein wird …

Daher stellt sich die Frage, was also kann ich persönlich als Teil des Souveräns beitragen? Ich habe das Thema des Klimawandels schon sehr lange im Blickfeld, ich brauchte keine Überzeugungsarbeit von YouTuber Rezo. Aber ich habe mich köstlich amüsiert, wie der streitbare Rezo der Regierung und den Politikern der Spiegel vor gehalten hat.

Lange bevor Rezo der deutschen Politik den Hintern versohlt hat, wurde ich gefordert mein Verhalten zu überdenken. Schon vor einigen Jahren hatte ich auf einen putzigen Kleinwagen gewechselt, ein Fiat 500 Cabrio (ich liebe es!). In der Herstellung deutlich ressourcenschonender als große Fahrzeuge, und im Verbrauch sowie CO2-Ausstoß … naja, zumindest ganz passabel. Im November 2018 und nach für dieses kleine Auto bemerkenswerten 220’000 Kilometer Laufleistung wollte das Getriebe nicht mehr wirklich.

Was also sollte ich machen? Zu jener Zeit durfte ich im Rahmen eines Mandats gelegentlich ein Tesla Model S100D fahren. Was für ein unvergleichliches, beeindruckendes Erlebnis auf so vielen Ebenen! Seither war klar, dass für mich nur noch ein Elektrofahrzeug in Frage kam und das auch nur mit Strom aus regenerativen Quellen betrieben werden sollte. Doch ein Tesla ist teuer (damals gab es das Model 3 in der EU noch nicht offiziell) und die deutschen Autohersteller hatten (und haben auch im Sommer 2019) noch kein sinnvolles Elektrofahrzeug im Programm. Oder aber es ist wie der Opel bzw. Chevrolet nicht wirklich lieferbar und zudem in den Bereichen Software, Updates und Systemoptimierung bereits ein veraltetes Produkt. Und: brauche ich tatsächlich ein eigenes Auto?

 

Einen Schritt weiter

Also versuchte ich es mit dem öffentlichen Verkehr. Und musste es schon auf der ersten Fahrt schwer büßen, da Deutschland eben die Autonation per se ist – was ich aus der Schweiz kommend schon zu oft schmerzhaft habe feststellen müssen.

Mehrheitlich schmuddelige Bahnhöfe und Haltestellen sowie ein garstiges Umfeld, zu oft enge Platzverhältnisse in Kombination mit vielen gestresst drängenden Fahrgästen auf den Bahnhöfen/Haltestellen, regelmäßig ungepflegte Nah- und Fernverkehrsmittel, auf überraschend vielen Strecken neue aber lärmende, stinkende und unkomfortable Dieselzüge, Zugsausfälle und umgekehrte Wagenreihungen, überfordertes und daher nur noch bemüht freundliches Personal bei den Betreibern, je nach Ziel komplizierter Ticketkauf, kein Taktfahrplan und dazu die Königsdisziplin:

Die Verspätung.

Während die Städte ihre Fahrpläne meist recht gut im Griff haben, versagt die Deutsche Bahn mit schöner Regelmäßigkeit und hoher Frequenz. Ich bin derzeit mit Bahncard 50 unterwegs und es ist ein tägliches Trauerspiel, das in mir keine Wut, sondern nur noch gewaltiges Mitleid hervorruft. Der Begriff Inkompetenz in all seinen Facetten mit nur zwei Worten perfekt beschrieben: Die Bahn.

Gut, Auto-Andy Scheuer hat mittlerweile fest gestellt, dass die Bundesregierung die Klimaziele nur mit gesteigerten Investitionen in Die Bahn erreichen kann. Nachdem Die Bahn nahezu totgespart worden war. Und Die Bahn mittlerweile das Investitionsdesaster Stuttgart 21 am liebsten ungeschehen machen würde. Ganz abgesehen davon, dass Stuttgart 21 die drastisch steigende Zahl der Züge und Passagiere nie bewältigen wird, fehlt das dort verlochte Geld.

 

Endgültig!

Im Mai 2019 war ich in Italien mit der Bahn unterwegs und von Pünktlichkeit, Sauberkeit und der gesamten Dienstleistung sehr angetan. Das wird in Deutschland auch möglich sein, dachte ich mir. Also hoffe ich, dass das Abenteuer ÖV in Deutschland zu einem positiven Erlebnis wird. Denn gerade in und um Stuttgart hat es sich schon gelohnt: während Freunde und Bekannte sich durch die sich immer mehr stauenden Automassen quälen und teils deutlich verspätet angekommen, bin ich meist rechtzeitig vor Ort. Und dies deutlich entspannter. Trotz notorisch verspäteter S-Bahnen und Zugsausfällen.

Also habe ich mein stillgelegtes Fiat 500 Cabrio im Mai 2019 verkauft, Steuer und Versicherung zurückerstattet erhalten und stehe seither ohne Auto im Leben. Abgesehen von gelegentlichen Fahrten im Elektro-Car2Go und bisher ein einziges Mal im Benzin-Mietauto. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

CO2-Ersparnis pro Jahr – mehr als 4.5 Tonnen

Was ich ehrlich sagen muss: wenn sich mein Bedarf in der Mobilität ändert, dann werde ich mir wieder ein Auto kaufen (müssen). Doch das wird sicher elektrisch-regenerativ unterwegs sein.

Es ist viel möglich, wenn man es nur macht. Ich denke, das könnten etlichen Mitmenschen in Deutschland ebenso, etwas mehr oder weniger. Es geht ja schließlich in vielen anderen Ländern. Solange es klappt, das Thema nicht verkrampft oder ideologisch zu betrachten, sondern aus eigener Überzeugung zur Sache (und nicht zu einer Meinung) handelt, dann funktioniert es und ist am Ende ein Gewinn. Nicht nur für das Klima.

 

Danke für die vielen inspirierenden Gespräche in meinem Umfeld.

 

Bildquellen: eigene Bilder

 

 

 

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Reinhard sagt:

    Schön und gut zu lesen. Genau da müssen wir hin, und zum Glück werden wir immer mehr. Wir wohnen in Stuttgart in einem Haus mit derzeit fünf Parteien, und wir haben im Haus noch ein privat bzw. geschäftlich eigenes Auto. Dabei geht es natürlich, aber nicht nicht nur, um den CO2 Fußabdruck. Alle Bekannten, die ihr eigenes Auto abgeschafft haben und mehr Fahrrad fahren, Carsharing, Lastenrad und ÖPNV nutzen, sagen heute „was für ein Gewinn an Freiheit“. Und billiger ist es in den meisten Fällen auch bzw. bleibt im Mobilitätsbudget genug Geld, dass man nicht mehr zweimal darüber nachdenkt, ob man im Notfall das Taxi nimmt. https://r-ot.de/2017/12/31/neue-mobilitaet-im-redaktionsbuero-r-ot/

    Liken

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