Oh fein, Staub! II

Stuttgart, Anfang 2017. Ich setze mich in die U-Bahn – die die Stuttgarter „Stadtbahn“ bezeichnen, obwohl überall an den Haltstellen ein „U“ prangt und die ich als Ex-Zürcher gerne „s’Trämli“ nenne – und fahre zu einem Treffen gleichgesinnter, innovativer Köpfe mit dem Blick und Verständnis für grössere Zusammenhänge in Wirtschaft und Gesellschaft.

Mitten in den Gesprächen kommt es wie das Amen in der Kirche: das Thema Feinstaubalarm. Nachdem alle ihre Meinung kund getan hatten, die Besorgnis um die Lebensqualität bzw. Umwelt in der Stadt reihum spürbar aber auch das Beharren auf die eigene Position erkennbar wurde, kommt meine ketzerische Frage:

Ich: „Wer von Euch ist eigentlich mit den ÖV zu unserem Meeting gekommen?“

_betretene Stille_

Ich: „Nee, jetzt aber ernsthaft??“

_ungemütliche Stille_

Angeklagte 1: „Ich musste noch eine Tasche mit Akten transportieren …“

Angeklagter 2: „Ich komme nachher mit der Bahn nicht mehr gut nach Hause …“

Angeklagte 3 bis 14: ähnliche Antworten

Ein Teilnehmer kam tatsächlich nicht mit dem Auto zum Meeting: Er wohnt gleich nebenan.

 

Die Stuttgarter lieben ihr Auto

Das ist die erste Erkenntnis. Die zweite ist, dass alle Familienmitglieder und Freunde haben, die irgendwie mit Automotive zu tun haben. Und diese Branche geniesst Heiligenstatus. Die dritte ist, dass alle Stuttgarter phantastische (aber auch äusserst durchsichtige) Ausreden haben, wenn es darum geht, das Auto doch zu nutzen, obwohl sie es eigentlich nicht sollten.

Tatsächlich war ich der Einzige (!), der eine längere Strecke fahren musste und dies mit den ÖV gemacht hat. Und das war bei allen ähnlichen Events während des Feinstaubalarms genau gleich. Dabei mag ich mein Auto auch sehr. Aber nicht, wenn Feinstaubalarm herrscht, obwohl es ein Benziner ohne Direkteinspritzung und somit geringgefährlich ist.

 

Der ÖV von Stuttgart ist …

… nicht schlecht, das muss gesagt sein. Sollen die Menschen in und um Stuttgart sich für den Wechsel zu den ÖV erwärmen lassen, gibt es dennoch viel, sehr viel Potenzial.

Die Taktung, zum Beispiel, und da vor allem zu den Stoss- und Randzeiten. Denn wenn man unterwegs ist und sich 20 Minuten in Wind und Regen stellen muss, ist das schon trist. Oder wenn man morgens den Lauf der Lemminge zum Arbeitsort unter die Füsse nimmt und sich mangels Platz an ungewaschen vor sich hinmuffelnde Mitmenschen reiben muss, die zudem mit missmutig dreinblickenden Gesichtern dekoriert sind, dann vergeht auch dem hartgesottenen ÖV-Fan irgendwie die Lust an der Mobilität.

Oder die Fahrpreise, welche nicht zur Lohnsituation vieler Nutzer passen. Und genau jene sind es, die in Massen nach/von/durch Stuttgart strömen.

Oder die Zuverlässigkeit und da ganz besonders jene der S-Bahn. Zumindest kann der Bahn Kreativität bescheinigt werden, wenn sie die Anzahl der verspäteten Verbindungen reduziert, indem sie Begriffe wie „Anfahrverzögerung“ nutzt, um Statistiken zu schönen. Also gilt in Deutschland ein Zug verspätet, der 6 Minuten zu spät ankommt (Schweiz: 3 Minuten; Japan: 1 Minute). 6 Minuten. Bei einer Umsteigezeit von 8 Minuten ist das alles andere als nur eine Beschönigung der Statistik.

Oder die Aussicht, dass der neue Hauptbahnhof dem rasant steigenden Mobilitätbedarf schon vor seiner Eröffnung nicht entsprechen kann. Was mit Unterstützung der Anhydrid-Tunnels dann regelmässig für Unterbrechungen, hohe Kosten und genervte Reisende sorgen wird.

Oder das komplizierte Verfahren der Ticketbuchung, sobald man sich ausserhalb gewisser Standard-Regionen bewegt. Tarifverbund über Grossregionen und gesamt Deutschland? Wohl auch in 10 Jahren noch eine Utopie.

Oder moderne Mobilitätskonzepte? Nicht einmal Ansätze von Ideen sind zu erkennen.

 

Über den Tellerrand

Für die Betreiber der ÖV lohnt sich der Blick nach Japan bzw. Tokyo oder Schweiz bzw. Zürich. Gibt gute Impulse. Wobei dann auch die Bereitschaft zur Annahme von neuen Ideen vorhanden sein sollte.

Und die autofahrenden Stuttgarter und Speckgürtel-Stuttgarter?

Denen geht es ähnlich wie der Bahn. Flexibilität und visionäres Denken existieren nicht, sondern wird nur von den anderen verlangt.

 

Geiles Konzept.

 

Bildquellen: eigene und bosch-presse.de (Bahn und Autos), bearbeitet

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Der stuttgarter Presseverantwortliche hat auf jeden Fall einen Preis verdient. In NRW gibt es seit Jahren Feinstaubwarnungen und das interessiert allenfalls am Rande. Stuttgart ist dafür nach wie vor in der überregionalen Presse als habe man dort den Feinstaubalarm erfunden. Wofür wiederum ich sehr dankbar bin, weil es mir erlaubt, die Akualität meines Vorlesungsstoffes durch aktuelle Pressemeldungen zu untermauern.

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  2. Kannst ja in der eigenen Region selber für etwas mehr Beachtung der Situation arbeiten – die SocMeds sind da ein hilfreiches Tool 😉

    Wobei Stuttgart wegen seiner Lage und Verdichtung schon besonders betroffen ist und es auch spürbar wird.

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