Oh fein, Staub! I

Der Lärm ist wie sonst auch, nichts weist auf eine Verringerung der Aktivitäten hin. Doch dem unvermindert markanten akustischen Erlebnis stehen heute wieder einmal zusätzliche, intensivierte Wahrnehmungen zur Seite. Die Nase wird durch den Massivangriff der Verbrennungsgerüche gefühlsmässig kaputtgeätzt. Dem olfaktorischen Angriff folgen weitere, subtilere Attacken auf Körper und Geist. Die wabernden Schwaden erzeugen Schwindel, Atmen und Denken fallen schwerer. Gegen Abend oder wenn Wolken über dem Tal hängen und die Sonne nur schwach-milchig durch die Schwaden zu glimmen vermag, kommt ein leicht apokalyptisches Gefühl auf.

Dabei wohne ich nur am Rande einer der Feinstaub-Fokuszonen von Stuttgart. Und es ist Feinstaubalarm. Als Neuzuzüger (wie es die Schweizer nennen) fällt mir das auf. Und wie. Dabei ist es definitiv nicht der Feinstaub, der sich dermassen belastend auf meinen Körper auswirkt.

Erinnerungen an dunkle Zeiten …

Die Gerüche Stuttgarts im Rahmen des Feinstaub-Alarms bringen Erinnerungen zurück. Helle, weil friedliche. Dunkle, weil stinkende, kratzende, beduselnde.

Während die IT und die PC-Welt dem Milleniums-Wechsel entgegen zitterten, sass ich gemütlich bei Freunden im Wohnzimmer in einem kleinen, ländlichen Dorf in der Ostschweiz und trank ein Gläschen Rotwein. Auch, weil meinem Macintosh der Milleniums-Wirbel ziemlich egal war.

Weniger egal war uns, dass wir damals kaum nach draussen konnten. Die Nase wäre durch den Massivangriff der Verbrennungsgerüche gefühlsmässig kaputtgeätzt worden. Dem olfaktorischen Angriff wären weitere, subtilere Attacken auf Körper und Geist gefolgt. Die wabernden Schwaden hätten Schwindel erzeugt, Atmen und Denken wären schwer gefallen.

Déjà-vu?

Exakt. Wie heute in Stuttgart. Nur mit dem Unterschied, dass es in dem Ostschweizer Dorf kaum Verkehr gab. Abgesehen von den landwirtschaftlichen Feinstaubschleudern, den Traktoren. Doch die Luft in Stuttgart lässt sich frappanter Weise mit jener in dem Dorf vergleichen, inklusive dem markanten schwefeligen Beigeschmack, der sich sogar auf der Zunge niederschlägt.

Die Rettung: 2007

Die verdreckte Luft in dem Ostschweizer Dorf kam – in Ermangelung grosser Industrien und Kohlekraftwerken – nahezu ausschliesslich aus dem sogenannten „Hausbrand“: Heizungen und Haus-Kamine aller Art. Und natürlich haben die Bauern und Gartenbesitzer den Baumschnitt nicht kompostiert, sondern verbrannt. Und das feuchte Holz hat fröhlich vor sich hin gequalmt.

Im Jahr 2007 wurde die revidierte Luftreinhalteverordnung in Kraft gesetzt – was vielen Heizungen und Kaminen die Lizenz zum Töten via Abgase entzogen hat. Mittlerweile kann man in dem Dorf wieder spazieren gehen, egal zu welcher Tages- und Jahreszeit: die Luft ist rein und es atmet sich vortrefflich. Und die Bauern trauen sich auch nicht mehr so oft, aus reiner Faulheit abends halbe Wälder abzufackeln.

Idee! Vielleicht.

In Stuttgart riecht es fast, wie in dem Ostschweizer Dorf um 2000. Mit der dezidiert schwefeligen Note.

Um eines zu vorab klären: Ich bin weder Autolobbyist, noch Dieselfahrer. Vielmehr sehe ich die Verbesserung des ÖV und den Einsatz von E-Fahrzeugen als sinnvoll an, besonders in der Stadt. Und im neuen Jahr werde ich Car2Go testen.

Dennoch frage ich mich, ob der gescholtene Diesel so hauptsächlich an der Misere im Stuttgarter Talkessel verantwortlich sein kann. Fundierte Zweifel melden sich. Meine Nase sagt, dass es zu einem grossen Teil andere Quellen sein müssen. Schwefel schmeckt vor, aber im Dieselkraftstoff hat es gar keinen Schwefel. Und wie steht es um die Kohlekraftwerke in Stuttgart?

An der Misere im Stuttgarter Talkessel hat der Verkehr sicher durch das Aufwirbeln der Partikel seinen Anteil. Die Partikel, indes, kommen aus vielerlei Quellen. Und das gesamte Problem auch. Auch wenn die Stickoxide wohl zu einem merklichen Teil herbei gedieselt werden.

Doch ist es nicht ziemlich unbequem und medial ziemlich fad, beispielsweise vor so vielen einzelnen Häusern zu demonstrieren? Und deren Besitzer von besseren Heizsystemen zu überzeugen? Sowie deren verantwortungslose Komfortkamin-Nutzung anzuprangern? Da ist es einfacher und medienwirksamer, den Verkehr lahm zu legen. Könnte es sein, dass es aus den Kaminen etlicher Demonstranten allenfalls schwefelig heraus wabert? „Demonstrant, ich weiss wo dein Kamin herumraucht.“ Ein Schelm, ja, der bin ich …

Rigoros

Grosse Aufgaben erfordern grosse Ideen, die sich der Herausforderung als Ganzes annehmen. Diese vermisse ich komplett. Selbst der grüne Stadtchef gibt sich zaghaft und unsicher, das verwundert.

Daher möchte ich die Verantwortlichen ermuntern ihrer Überzeugung entsprechend zu agieren. Mit Mut für die Sache, sanft im Wort, aber rigoros in der Umsetzung. Das wären dann Politiker, die dem grottigen Ruf ihrer Zunft einmal nicht gerecht würden.

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Alice Wunder sagt:

    Ich bekam mal am Rande mit, wie die Chefs einer deutschen, konservativen Zeitung ständig mit ihrem Schweizer Besitzer im Clinch liegen. Denn in Deutschlnad sieht man grüne Ideen streng idologisch und als konservativer hat man das in Bausch und Bogen zu verdammen. Während die Schweizer so einen Eifer eher mit Befremden sehen und die pragmatischen, nützlichen Ansätze gern weiterverfolgen, ganz unabhängig vom Parteibuch.

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  2. … deswegen ist Stuttgart 21 so ein Desaster …

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    1. Alice Wunder sagt:

      Und unser Flughafen hier in Berlin. Aber es braucht erst den Ausländer, der die Strukturen mit Abstand beobachtet. Da danke ich hier für neue Perspekiven.

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  3. War im Herbst seit langem wieder Mal in Berlin – schon eine besondere, geile Stadt; Teufelsberg ist obergeil. Die Tochter meiner Lebenspartnerin studiert in Berlin Soziologie und hatte erst kürzlich auf der Ausgabestelle – Fixerstube nenne ich das – ein Praktikum. Krass, aber gut. Die Frau ist im richtigen Metier zu Hause.

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