Verzehrend, verstörend

Der spanische Gemüse- und Obstbauer erlaubt einen tiefen Blick in die Psyche europäischer Mägen. Abgesehen davon, dass er eigentlich kein Bauer mehr ist, sondern ein Grünzeugindustrieller, hat seine Geschichte Symbolcharakter:

„Weisst du“, spricht er mit gedämpfter, beschwörender Stimme hinter dem Treibhaus, „ich kann jeder Lieferung ansehen, in welches Land sie gehen wird.“ Drei Schritte zu den bereit stehenden Paletten, er hebt den gelochten, grünen Kunststoffdeckel an und greift sich eine rote Peperoni (bzw. Paprika).

„Diese hier…“ – er macht eine Kunstpause, sucht den Blick seines Gegenübers und fährt erst fort, als er sich dessen ungeteilter Aufmerksamkeit sicher sein kann – „Diese hier“ wiederholt er, „geht nach England. Dort drüben stehen die Waren für Frankreich und gleich daneben jene für Deutschland.“

Der fragende Blick scheint ihn zu amüsieren, allerdings nur kurz: „Für die Engländer produzieren wir ‚organic‘, also Bio, wie ihr sagt. Das Labor bestätigt, beste Werte, beste Ware.“

Der Griff in die nächste Kunststoffbox fördert auch eine rote Peperoni zu Tage, allerdings etwas kleiner und dunkler: „Für die Franzosen bauen wir langsamer wachsende Sorten an und pflegen sie etwas intensiver. Diese Peperoni hat einen feinen, runden Geschmack und wird von Köchen sehr geschätzt.“

Nach wenigen Schritten eine weitere Peperoni. Auch in Rot, aber etwas grösser und intensiv hellrot leuchtend: „Für Deutschland produzieren wir optisch schöne Produkte auf Menge. Allein der Preis und sichtbare Qualität zählen. Schnittfestes Wasser, wie ihr sagt.“

Verzehr

Diese Geschichte meines Marketing-Freundes beschäftigt mich schon eine Weile. Doch egal, von welcher Seite ich es betrachte, das Bild bleibt sich gleich. In Deutschland müssen Nahrungsmittel billig sein. Diese nicht vorhandene Wertschätzung dem Lebensmittel gegenüber liest sich auch auf Verpackungen, wie beispielsweise dem abgepackten Salat.

Verzehrfertig steht dort geschrieben. Verzehren bedeutet zuerst einmal „verbrauchen“. Verbrauchsfertig, das ergibt einen Sinn. Die Bedeutung des Wortes zeigt dann aber die gesamte Palette von hinunterschlingen, schlucken, vertilgen, essen, begehren, zerstören und mehr. Eindeutig in den Begriffen, verstörend in deren Aussagen.

Nahrungsmittel dienen also der Funktion des „am-Leben-bleibens“ – koste, was es wolle. Oder wie es der spanische Bauer wahr nimmt, „koste-so-wenig-wie-möglich“. Verzehren ist etwas, das machten die Ritter auf ihren Raubzügen, als sie sich mit dem ganzen Gesicht in das halbrohe Spanferkel bissen, um daraufhin weiter zu morden, stehlen und brandschatzen. Oder die vielen Liebenden, deren Emotionen sich in eine Dimension steigern, die bald einmal für so manchen Krimi als Skript herhalten könnten.

Genuss

Der Blick über die Grenze zeigt einen deutlichen Mentalitätsunterschied. Der Schweizer Coop präsentiert seinen Taboulé-Salat als „genussfertig“. Geniessen bedeutet zuerst einmal „sich laben“. Unter Synonyme ist dann essen, frönen, erfreuen, schwelgen, erquicken zu lesen. Aaaah, das klingt doch schon viel besser! Angesichts des Fertig-Salates überkommen mich jedoch berechtigte Zeifel, ob es ein Genuss werden könnte. Dennoch, es zeigt die grundsätzlich andere Einstellung zu Lebensmitteln.

Lebensmittel sind in der Schweiz eher Teil eines ganzheitlichen Erlebnisses, das Leben und Freude vereint. Nicht Mittel zum Zweck (des Überlebens), sondern weit mehr. Der Fairness halber erwähne ich, dass auf manchen Schweizer Verpackungen „konsumfertig“ steht. Was mit „aufbrauchen“ auch nicht gerade so prall klingt und in der erweiterteten Bedeutung nebst essen, vertilgen – oh Schreck – auch den Begriff „verzehren“ zeigt.

Wertschätzung

Diese Wertschätzung oder wie ich sage: die Geringschätzung vieler deutscher Konsumenten den Lebensmitteln gegenüber, lässt sich an so manchen Details erkennen. An der Sprache und nicht zuletzt an den Peisschildern im Supermarkt, besonders – aber nicht nur – an der Fleischtheke.

Da ist es erfrischend mitzuerleben, wie die Weinbauern in der Nachbarschaft im Schweisse ihres Angesichts das gesamte Jahr ihre Reben in den Stuttgarter Weinlagen pflegen. Selbst solche, die aufgrund der Begebenheiten ohne machinelle Hilfe bewirtschaftete werden müssen. Und dann wird mit Stolz und Freude die Qualität der Ernte geprüft und sich über jedes Grad Oechsle sichtlich (aber schwäbisch-bescheiden) gefreut. Harte Arbeit, bodenständiges Handwerk, grundehrliches Produkt. Schade nur, dass dieser Aufwand dann im Verkauf nicht so recht entgolten wird.

Wie war das mit der Wertschätzung schon wieder?

Hier geht es zum themenverwandten Quälhähnchen.

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