Willkommen?

Meinen neuen Wohnsitz in Stuttgart habe ich angemeldet. Endlich.

Zuvor wurde ich von mehreren Personen – teils eindringlich – gewarnt, dass es die Behörden und Beamten nicht so sehr mit der in der freien Marktwirtschaft üblichen Arbeitseinstellung haben. Ich würde von einem zum anderen verschoben, bis sich eine/r dann endlich herablasse und sich meines Wunsches annähme. Dann aber widerwillig und missmutig. Und gerade Mal das, was gefragt worden sei. Nie aber auch nur einen einzigen Strich mehr. Hinweise und Informationen? Solches zu erwarten oder auch nur zu erhoffen, wurde mir berichtet, sei schon fast abstrus. Schon das Pflichtprogram zu erhalten, sei eher selten.

Also: Erwartungshaltung auf „niedrig“ eingestellt.

Und es ging erstaunlich gut. Sicher, die meisten Beamten in Deutschland könnten von einem Kurs in Kommunikation, Kundenansprache sowie kundenorientiertem Denken und Handeln enorm profitieren. Diese hier gehören jedoch nicht zu den abschreckenden Beispielen. Glück gehabt.

Der ganze Prozess ging speditiv voran. Allerdings kam keinesfalls das auf, was auf dem Papiersack (… Tüte) steht: Herzlich willkommen. Weder Ersteres, noch Letzteres. Der Inhalt des Papiersacks: Papier im Gegenwert eines halben Baumes. Und eine Rolle Gelbe Säcke. Hurra!

 

Hotel California – Eagles (Zitat Liedtext: letzte Strophe)

„Relax“, said the night man
„We are programmed to receive
You can check out any time you like
But you can never leave“

Déjà-vu: Denn in dem Haufen Papier finde ich das „VVS-Verbund-Schienennetz 2016“ und den „VVS-Nachtverkehr“. Beide beim Entgegennehmen (14.10.2016) noch genau 3 Tage gültig [Kunstpause].

„Sie werden Stuttgart nie mehr verlassen (können).“

Angesichts der nicht unwesentlichen Änderungen in den Linienplänen ist es für meinen Wohnort in Stuttgart durchaus eine reale Möglichkeit, dass ich diesen nie mehr verlassen kann. Mir wurde also tatsächlich Altpapier ausgehändigt. Die Reaktionen reihum: „Wie peinlich ist das denn?“ (Ich habe den Eindruck gewonnen, dass den Stuttgartern dieser Riesenlapsus echt unangenehm ist.)

Von anderen Städten bzw. Verkehrsbetrieben kenne ich zudem, dass jedem Neuzuzüger eine Gratis-Tageskarte ausgehändigt wird. Die Ideen dahinter sind einfach und bestechend. Die Neuzuzüger können auf ökologische Weise die neue Umgebung und das Angebot der Verkehrsbetriebe kennen lernen. Gleichzeitig können sie erkennen, dass die Fahrten in der Stadt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln einfach und bequem sind. Und diese Marketing-Massnahme ist mit nahezu null effektiven Kosten verbunden. Kundengewinnung in Kombination mit Verkehrs- und Abgasreduktion nennt man das. Marketing und Ökologie. Dazu eine sympathische Geste.

Altpapier, statt Tageskarte, das darf ich armselig nennen.

Auch das beiliegende Gutscheinheft „Klima Sparbuch 2016“ – Ablaufdatum 31.12.2016, also in gut zwei Monaten – ist von überschaubarem Nutzen. Weil es ziemlich ungewöhnlich ist, dass jemand innerhalb der ersten zwei Monate nach dem Umzug die Musse und die Zeit findet, auch nur den kleinsten Teil der Angebote zu nutzen.

Der Rest des Papiersacks lässt sich in die Kategorien Werbung und etwas (!) Information einordnen. Allen gemein: Extrem viel Text (wie viele Blogs 😉 ), aber nahezu nichts Substantielles (wie manche Blogs). Oder wie es der Schwabe sagt, bin ich mit Papier „zugeschissen“ worden.

 

Fühle ich mich willkommen?

Wegen des armseligen Inhaltes des Papiersacks mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil. Doch es gibt ja noch die Menschen, die hier wohnen, arbeiten und mit denen ich mich austausche, bei denen ich einkaufe, essen gehe, die ich besuche, die Ankunft der Weinlese im Kelter beklatsche und mehr. Und die lassen auf ihre eigene, manchmal etwas spröde Art (ist das typisch schwäbisch?) so etwas wie ein Willkommensgefühl aufkommen. Mein Vorteil ist zudem, dass ich mit meinem Akzent da und dort für Schmunzeln sorgen kann. Was mich immer wieder irritiert, aber was soll’s.

Insofern fühle ich mich von den Menschen gut aufgenommen.

Doch die Stadt selbst, die muss sich noch deutlich anstrengen.

 

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gratis-Tageskarte für neu Zugezogene? Aber doch sicher nicht in Deutschland? Meine Umzugsstatistik ist durchaus beeindruckend (mein Vater würde für die Phase meines Lebens, in der er an jedem Umzug noch maßgeblich beteiligt war, ein etwas weniger neutrales Wort verwenden), aber eine Gratisbuskarte habe ich wirklich noch nie bekommen, obwohl ich sogar schon in Orten mit halbwegs ernstzunehmender ÖPNV-Infrastruktur gelebt habe.

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    1. Das sind ja etliche verpasste Chancen. Wenn Du beispielsweise in die Region Biel (Region Bern-Solothurn) ziehst, dann wirst Du mit einem „Schnupper-Abonnement“ des Verbundnetzes der Region begrüsst.
      Wäre das eine Idee, dort hin zu ziehen? 😉
      Ist eine schöne, wenn auch eher ruhige Region.

      Gefällt 1 Person

      1. Biel ist mir als Umsteigebahnhof in nicht unfreundlicher Erinnerung. Ich denke drüber nach …

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  2. somi1407 sagt:

    Ich überlege gerade, was ich als Willkommensgeschenk in meiner damals neuen Heimatstadt bekommen habe. Ich kann mich an Werbegeschenke der hiesigen Zeitung erinnern: Luftballons und Buntstifte. Gelbe Säcke gab es auch, und den Kalender der Müllabfuhr.

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