Artgerecht ungeschnitten

Update 5.10.2016

Es ist einfach schön, mein bevorzugter Bäcker hier in meinem Quartier bietet ein Brot an, das nicht nur wie ein ganz normales Ruchbrot in der Schweiz aussieht. Sondern auch noch so heisst: Schweizerbrot.

Natürlich oute ich mich gnadenlos mit meinem Akzent beim Kauf des Brotes und ernte von der Dame hinter der Theke in der Folge einen leicht verschmitzten Augenaufschlag.

 

Dann geschieht etwas, das mich an meinem Glauben an die Menschheit zweifeln lässt:

„Möchten Sie es geschnitten?“

Wie? Das Brot schon im Laden schneiden? Geht’s noch? Ist die Stuttgarter Menschheit denn noch bei Trost? Wie käme ich dazu, ein frisches Brot schon im Laden schneiden zu lassen, um zu Hause dann ein bereits durchgehend leicht angetrocknetes, armseliges Etwas auszupacken? Aber ich beginne zu verstehen: Das geschnittene Brot würde in einen Plastiksack (Tüte … ) gewurstelt, wo es dann wesentlich weniger austrocknen kann, im Gegenteil. Es wir lappig wie ein Salatblatt an der Sommersonne. Welch Frevel an einem so wunderbaren Stück Menschengeschichte.

Das Fragezeichen in meinem Gesicht ist gross: Jetzt soll ich tatsächlich ein Brot mit einer (zumindest optisch) schönen Kruste kaufen, um dieses dann im Plastiksack so zu durchweichen, dass jede Art von Kruste zum seniorentauglichen Weichfutter wird. Igitt: das Ganze fühlt sich im Mund wie die angesabberten Löffelbiskuits meiner Kinder an – und die habe ich auch nur dann gegessen, wenn der Nachwuchs mir diese mit Nachdruck ins Gesicht gestopft haben (es gab dann eben keine Löffelbiskuits mehr, harharhar).

„Nein, bitte nicht schneiden, damit entweihen sie das Brot, das geht ja gar nicht!“ war meine schnelle, vielleicht sogar etwas vorschnelle, Antwort. Der Augenaufschlag der Dame hinter der Theke kann sich nicht zwischen „belustigt“ und „besorgt“ entscheiden und dann geschieht etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: „Ich verstehe Sie voll und ganz, aber die meisten Deutschen wollen es so.“ erklärt sie mir dann. Aha. Jemand, der etwas von Brot versteht. Mein Brot wird artgerecht ungeschnitten in ein Papiersäckli (… Papier-Tüte) geschoben. Puh, Glück gehabt. Das Brot auch.

 

Sauerteig verboten!

Zu Haus angekommen ziehe ich meine „Beute“ aus dem Papiersäckli, atme den Duft von Hefe ein – und stutze. Rieche ich da … ? Oder täusche ich mich? Egal, der erste Bissen wird die Entscheidung bringen.

Hm, die Kruste ist ungewohnt weich, wie ich es sonst nur von Sauerteigbroten kenne. Aber der Biss des Brotes ist gut, es hat dieses Lockere, Weiche, das sich so angenehm anfühlt und so wunderbar zu allem passt. Und der Geschmack. Mmmh, feines Hefebrot – doch ich stutze. Die milde Balance wird gestört, eine sonderbare Säure schleicht sich herein. Der Bäcker wird doch nicht etwa …?

Dr. Google weiss alles und entlarvt auch meinen Bäcker. Der hat doch tatsächlich etwas Sauerteig in ein Brot geschmuggelt, das sich Schweizerbrot nennt. Ich glaube, ich muss meinem Bäcker Mal eine Voodoo-E-Mail senden, damit sich all sein Sauerteig in Minions verwandelt.

Das traditionelle Schweizer Brot – wie das St. Gallerbrot und das Ruchbrot – wird mit Mehl, Wasser, Salz und Frischhefe gebacken. Nix Milchsäure oder anderes Gezeugs. So ein echtes Schweizer Brot hat einen weichen, warmen Duft (ohne Säure), besitzt eine feste, knackige Kruste (und keine Wabbelhaut) und der Geschmack ist mild, neutral (und nicht säuerlich) – es eignet sich daher für alles, was irgendwie mit und auf Brot gegessen werden kann. Hach, ich liebe es. Und das Schweizerbrot von meinem Bäcker schafft es trotz etwas Sauerteig auf meine Bestenliste.

 

Update mit einer kleinen Ergänzung:

Wer schon einmal versucht hat, ein Käse-Fondue mit einem (Teil-) Sauerteigbrot zu essen (das widersteht vielen Fonduefreunden gleich beim ersten Bissen) und das Gefühl hatte, das Fondue schmecke irgendwie nicht so, wie in der Berghütte in der Schweiz – dem fehlt meist nur das echte Hefebrot. Ein französisches Baguette – bzw. zwei oder drei – ist eine gute Lösung.

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Meine Erklärung für’s Kaufen von geschnittenem Brot: ich friere es ein und taue scheibenweise nach Bedarf auf. Dafür dass es dann so lange hält wie ich brauche einen Laib zu essen, nehme ich in Kauf, dass es am Tag 1 nicht perfekt schmeckt. Die meisten Brote sind eh nicht richtig knusprig und weit von perfekt entfernt.

    Gefällt 2 Personen

  2. Rein aus praktischer Sicht kann ich es ja verstehen. Aus gustatorischer, olfaktorischer und taktiler Sicht erlebe ich eben grosse Schmerzen.

    Habe Mehl gekauft …

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    1. Klingt nach Ambitionen …

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